Zeitlehren
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Geförderte Publikationen

Auswahl an Publikationen, deren Veröffentlichung von der Stiftung Zeitlehren bezuschusst werden konnten:

Layla Zami, "Contemporary PerforMemory. Dancing through Spacetime, Historical Trauma, and Diaspora in the 21st Century"

Transcript Verlag 2020

Contemporary PerforMemory looks at dance works created in the 21st century by choreographers identifying as Afro-European, Jewish, Black, Palestinian, and Taiwanese-Chinese-American. It explores how contemporary dance-makers engage with historical traumas such as the Shoah and Maafa to reimagine how the past is remembered and how the future is anticipated. The new idea of perforMemory arises within a lively blend of interdisciplinary theory, interviews, performance analysis, and personal storytelling. Scholar and artist Layla Zami traces unexpected pathways, inviting the reader to move gracefully across disciplines, geographies, and histories.

Featuring insightful interviews with seven international artists: Oxana Chi, Zufit Simon, André M. Zachery, Chantal Loïal, Wan-Chao Chang, Farah Saleh, and Christiane Emmanuel.

(Text: Transcript Verlag)

Leonhard Birnbacher, "Arbeit an der Erfahrung. Zum deutschen Weg aus der kriegsgesellschaftlichen Moderne 1943-1949" 

Verlag Velbrück Wissenschaft 2020

Anders als in Frankreich oder England, wo der Erste Weltkrieg die entscheidende Zäsur für die zivilgesellschaftliche Transformation darstellt, ist es in Deutschland der Zweite Weltkrieg, der zu einem grundlegenden Struktur- und Mentalitätswandel führt. Erst an seinem Ende bricht die deutsche Gesellschaft mit den Mobilisierungssystemen des Heroismus und Bellizismus und durch seinen Ausgang beginnt erst die deutsche Gesellschaft, jenes Selbstverständnis zu entwickeln, das uneingeschränkt auf Zivilität, Integration und Kooperation ausgerichtet ist. Die vorliegende Untersuchung rekonstruiert, wie es der von Kriegs- und Gewalterfahrung geprägten deutschen Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt, diese Erfahrung zu verarbeiten. Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist kein statisch fixierter Wendepunkt in der Geschichte des modernen Deutschlands, sondern eine eigenständige Übergangsphase, in der

die deutsche Gesellschaft sich sukzessiv von den Erfahrungen des Krieges löst und ihr ziviles Selbstverständnis zu entwickeln beginnt.

Methodisch-konzeptionell operiert die Untersuchung mit einem erweiterten Erfahrungsverständnis, das darin nicht nur das Abbild subjektiver Wirklichkeit sieht, sondern Erfahrung als eine Wissenskategorie behandelt, die sich in Abhängigkeit zu ihrer soziokulturellen Umgebung auch ändern oder anpassen kann. Mit diesem erfahrungstheoretischen Zugriff gelingt es dem Autor aufzuzeigen, dass die Kriegs- und Gewalterfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg weniger verdrängt als vielmehr diskursiv neu gerahmt und auf diesem Weg bewältigt wurden. Das für die kriegsgesellschaftliche Moderne charakteristische Bild von der sakrifiziellen Aufopferung verschwindet hierbei, während sich ein viktimes Sinnsystem zu entwickeln beginnt. Letzteres ermöglicht die narrative Bewältigung der Kriegsgewalt, entzieht dem Krieg aber ebenso die kulturelle Grundlage.

(Text: Velbrück Wissenschaft)

Dominique Schröder " 'Niemand ist fähig das alles in Worten auszudrücken'. Tagebuchschreiben in nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1939-1945"

Wallstein Verlag 2020

Trotz schwierigster Umstände gelang es einer überraschend hohen Zahl von Insassen nationalsozialistischer Konzentra-tionslager, heimlich Tagebuch zu führen. Auf der Basis von ca. 50 deutschen, französischen, niederländischen und polnischen Texten von als "jüdisch" oder "politisch" Inhaftierten fragt diese Arbeit erstmals danach, wie die Diaristen ihrem "Alltag" im Lager sprachlich begegneten und welche Funktionen das Schreiben eines Tagebuchs in diesem Kontext erfüllte.

Im Gegensatz zu retrospektiv verfassten Texten bieten Tagebücher einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt unterschiedlicher Opfergruppen im Lager. Dominique Schröder stellt dabei nicht was, sondern vor allem wie und warum die Insassen schrieben in den Fokus. Deutlich werden In- und Exklusionsmechanismen, Subjektivierungsformen und die Erfahrung und Artikulation von Zeit und Raum im Lager. Und schließlich wirft die Auseinandersetzung mit der Praxis des Tagebuchschreibens auch ein neues Licht auf die Frage nach der Unsagbarkeit des Holocaust.

 

(Text: Wallstein Verlag)

Anikó Boros "Die Ermordung ungarischer Juden 1944 in Pusztavám. Zeugenschaft und Erinnerung im transnationalen Kontext"

Verlag Herder-Institut 2020 

In dem hauptsächlich von Ungarndeutschen bewohnten Dorf Pusztavám wurden am 16. Oktober 1944 über 200 jüdische Arbeitsdienstler am Rande des Dorfes ermordet. Die Aufklärung des Geschehens und die Erinnerung an den Massenmord waren und sind bis heute umkämpft, wurden manipuliert und instrumentalisiert. Der transnationale Charakter des Ereignisses, die verschiedenartigen Verstrickungen und der unklare Status der mit dem Massenmord befassten Institu-tionen in mehreren Ländern erschwerten die Ermittlungen und die Aufarbeitung seitens der Geschichtsforschung. 

Die Studie analysiert aus gedächtnistheoretischer Perspektive über zweihundert Zeugnisse, tausende Seiten Dokumente und hunderte Aufsätze, Zeitungen und Erinnerungsorte im Lichte der Zeugenschaft. Die disziplinübergreifende Zugangsweise nimmt den historischen Gegenstand in seiner Komplexität in den Blick ud zeigt zugleich Reflexionen und Erkenntnisse für das kulturwissenschaftliche Konzept der "Zeugenschaft" auf.

Die Studie legt dar, wie weit die als juristisches Beweis-mittel eingesetzte Zeugenschaft durch diverse Faktoren beeinflusst wird und wie die Divergenz und zugleich Konkurrenz der Zeugenstimmen Auskunft über die dem Zeugnis immanente Gegenwartsverbundenheit geben und wie diese multidirektionale Einflussnahme in der Analyse berücksichtigt werden kann.

Die Arbeit wurde mit dem Humboldt-Preis in der Kategorie "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet.

 

(Text: Verlag Herder-Institut)

 

Hanne Leßau "Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit"

Wallstein Verlag 2020 

Über die Entnazifizierung scheint das Urteil längst gesprochen: In Öffentlichkeit und Forschung gilt sie als missglückter Versuch einer frühen Vergangenheitsbe-wältigung, der vor allem an Täuschung und Vertuschung durch die betroffenen Deutschen scheiterte. Hanne Leßau zeigt, warum diese Einschätzung zu kurz greift. Gestützt auf Tagebücher, Notizzettel, Briefe und Zeitungsartikel sowie auf die Verfahrensakten macht sie eindrücklich sichtbar, dass die politische Überprüfung eine intensivere und ernsthaftere Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit im Nationalsozialismus anstieß, als wir heute vermuten. Ihr genauer Blick auf das Agieren der Deutschen in den komplexen Prüfbüro-kratien legt frei, dass viele versuchten ohne Schaden durch die Entnazifizierung zu kommen. Dabei ent-wickelten die zu Prüfenden neue Deutungen der eigenen NS-Vergangenheit, die für sie selbst ebenso glaubhaft sein mussten wie für andere. Ein erhellender Blick auf die Entnazifizierung und das Verhalten der Deutschen in den ersten Nachkriegsjahren, mit dem sich zentrale Fragen nach dem Übergang von der NS-Diktatur zur Bundesrepublik neu stellen.

 

(Text: Wallstein Verlag)

Paul Vehse, "Zur Ordnung der Anerkennung. Eine Rekonstruktion von Legitimationsmustern in der Gedenkstättenpädagogik"

Springer VS 2020

Paul Vehse untersucht Anerkennungsproblematiken, die in der Gedenkstättenpädagogik im Bestreben um ein anerkennendes Gedenken an die Verfolgten des Nationalsozialismus entstehen. In der mit Judith Butler fundierten Studie werden die von Axel Honneth formulierten Anerkennungsformen analytisch gewendet und in zwei ausführlichen Fall-studien die Anerkennungsstrategien der pädagogischen Mitarbeiter rekonstruiert. Die Ausschlüsse und Hierarchisie-rungen, die diese Strategien produzieren, werden vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Anerkennungsordnung eingeordnet und diskutiert. Die Studie liefert einen Beitrag zur Analyse von Anerkennung und formuliert Implikationen für die Gedenkstättenpädagogik.

(Text: Springer VS)

Stephanie Born, "'Die Weltgeschichte aus den Fugen?' Paul Celans kritische Poetik und Martin Heideggers Seins-Philosophie nach den Schwarzen Heften"

Königshausen und Neumann 2019

Müssen Paul Celans Poetik und Poetologie nach der Veröffentlichung von Martin Heideggers Schwarzen Heften einer Neubewertung unterzogen werden? Die seit 2014/15 herausgegebenen Schwarzen Hefte lassen keinen Zweifel: Heideggers Parteinahme für den Nationalsozialismus und die Seins-Philosophie sind unmittelbar miteinander verstrickt und auch sein Antisemitismus gilt nun als belegt. Dies ist nicht ohne Konsequenzen für die Heidegger-Forschung geblieben, aber auch für das Verhältnis Celan-Heidegger ergibt sich daraus ein ganz neuer Bezugsrahmen. Die Studie untersucht erstmals das Verhältnis zwischen Celan und Heidegger vor dem Hintergrund der Schwarzen Hefte. Die vieldiskutierten Dichotomien von Dichter und Denker, Jude und Deutscher, Opfer und Täter erweitert sie um einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Diskurse, die nach 1945 den Umgang mit der NS-Vergangenheit bestimmen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Celan den Widersprüchen, Dissonanzen und Mängeln in Heideggers Seins-Philosophie nachgespürt hat - und gewinnt so einen ganz neuen Zugang zu dessen Poetik.

(Text: Königshausen & Neumann)

Steffen Klävers, "Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung" De Gruyter Oldenbourg 2019

Die Holocaustforschung ist in den vergangenen Jahren um Ansätze ergänzt worden, die als komparativ-postkolonial beschrieben werden können. Sie untersuchen die Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust aus der Perspektive einer postkolonialtheoretisch geschulten vergleichenden Genozidforschung. Eine grundlegende Überzeugung dieser Ansätze ist, dass der Nationalsozialismus nur adäquat verstanden werden kann, wenn man ihn in Bezug zur europäischen, speziell deutschen, Kolonialgeschichte setzt. Dabei würden sich strukturelle und ideologische Parallelen und Gemeinsam-keiten aufzeigen, die die Forschung bisher ignoriert habe. Steffen Klävers untersucht in seiner Studie, welches heuristische Potential solcherlei Zugänge für die NS- und Holocaustforschung besitzen. Dabei geht er einerseits auf historische, aber auch erinnerungskulturelle und modernitätstheoretische Ansätze ein. Er rekonstruiert die Argumentationstechniken dieser Ansätze kritisch und problematisiert Punkte, an denen sie mit zentralen Erkenntnissen der NS- und Holocaustforschung brechen.

(Text: De Gruyter)

Florian Schubert, "Antisemitismus im Fußball. Tradition und Tabubruch"

Wallstein Verlag 2019

Fußball wird von Millionen von Menschen in Deutschland gespielt, von noch mehr Fans im Stadion oder am Bildschirm verfolgt. Fußball ist ein kulturelles Ereignis - und gleichzeitig ein Bereich, in dem Diskriminiserung und besonders Antisemitismus noch immer gegenwärtig sind, so der Autor Florian Schubert. Mit antisemitischen Stereotypen werden seit jeher gegnerische Spieler, Fans und auch Schiedsrichter diskreditiert, unabhängig davon, ob es sich um Juden handelt oder nicht.

Florian Schubert eruiert, in welcher Form und in welchen Kontexten Antisemitismus im Fußball seit den 1980er Jahren in  der BRD und in der DDR auftaucht und wie er fußballintern bewertet wird. Er unteruscht die Funktion antisemitischen Verhaltens bei Fans, Spielern und Vereinsverantwortlichen - von Nationalmannschaft und DFB bis hin zu regionalen Vereinen. Am Ende steht die Frage, ob das Stadion in Bezug auf diskriminierendes Verhalten eine Sonderstellung ein-nimmt oder als Brennglas gesellschaftlicher Probleme gesehen werden kann.

(Text: Wallstein)

Markus Nesselrodt, "Dem Holocaust entkommen. Polnische Juden in der Sowjetunion, 1939-45"

De Gruyter Oldenbourg 2019

Über 230.00 polnische Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg im Inneren der Sowjetunion. Viele waren der national-sozialistischen Verfolgung durch rechtzeitige Flucht auf sowjetisches Territorium entkommen. Andere wurden gegen ihren Willen von der sowjetischen Geheimpolizei in das Landesinnere der Sowjetunion verschleppt, wo sie in abgelegenen Siedlungen unter schwierigen Lebensbedingungen Zwangsarbeit verrichteten. Die Mehrheit der polnischen Juden hatte sich allerdings im Rahmen der Evakuierung sowjetischer Staatsbürger 1941-1942 aus den Frontgebieten in den Südern der UdSSR durchgeschlagen. Dort hielten sich die meisten polnisch-jüdischen Exilanten bis zur Rückkehr nach Polen im Jahre 1946 auf.

Die Studie untersucht Erfahrungen polnischer Juden im Zeitraum von 1939 bis 1946. Der Fokus liegt dabei auf den Jahren in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken, wo hunderttausende polnische Juden täglich um ihr Überleden als Fremde in einem von Krieg, Armut und politischem Terror gezeichneten Land kämpfen mussten. Ihre Geschichte an der "Peripherie des Holocaust" (Yehuda Bauer) erweitert den Horizont jüdischer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg um die Erlebnisse im sowjetischen Exil.

(Text: De Gruyter)

Franziska Jahn, "Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943-1944. Strukturen und Entwicklungen" Metropol Verlag 2018

"So schrecklich wie es war, so viele Tag werden wir noch daran zurückdenken. Wer weiß, was uns jetzt wieder bevorsteht", schrieb Lore Oppenheimer am Tag ihrer Überstellung aus dem Rigaer Ghetto in das wenige Kilometer entfernte KZ Riga-Kaiserwald. Die Auflösung der Ghettos und die Errichtung von Konzentrations-lagern im deutsch besetzten Baltikum stellten seit Frühjahr 1943 eine erneute Radikalisierung der NS-Judenpolitik dar und waren ein weiterer Schritt zur Vernichtung der dort inhaftierten Jüdinnen und Juden. Die Studie rekonstruiert erstmals die Strukturen und Entwicklungen des KZ Riga-Kaiserwald und seiner Außenlager und gibt umfassende Einblicke in die Lebenswelt seiner Häftlinge.

(Text: Metropol Verlag)

Sebastian Schönemann; "Symbolbilder des Holocaust. Fotografien der Vernichtung im sozialen Gedächtnis" Campus Verlag 2019 

Die Erinnerungskultur an den Holocaust befindet sich im Umbruch. Nur noch wenige Überlebende können von ihren Erfahrungen berichten, und schon heute ist das kollektive Gedächtnis im hohen Maße medial vermittelt. Im Zuge dieses Wandels nehmen Bilder an gesellschaftlicher Bedeutung weiter zu. Doch obwohl die gedächtnisbildende Macht von Bildern außer Frage steht, ist über ihre soziale Wirkung bislang kaum etwas bekannt. In seiner Studie untersucht Sebastian Schönemann die Formen medialen Erinnerns empirisch: Wie erinnern wir uns an den Holocaust über Bilder und wie prägen sie das soziale Gedächtnis? Anhand vergleichender Fallanalysen werden dabei nicht nur die Wirkungsweisen der Symbolbilder, sondern auch ihr sozialer Sinn aufgezeigt.

(Text: Campus Verlag)

Dana Ionescu, "Judenbilder in der deutschen Beschneidungskontroverse", Nomos 2018

In Deutschland entspannt sich 2012 eine vehement geführte Kontroverse um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen von männlichen Säuglingen und Jungen. Obwohl diese Kontroverse eine enorme Wirkung auf Jüdinnen/Juden hatte, blieb sie von der deutschsprachigen Antisemitismusforschung weitestgehend unbeachtet. Die Studie nimmt die Argumentationen der BeschneidungsgegnerInnen in den Blick und rekonstruiert die enthaltenen Judenbilder sowie deren Verhältnis zu antisemitischen Motiven. Die empirische Analyse basiert auf einem umfassenden Textkorpus, der sich aus medizinischen, psychoanalytischen und rechtswissenschaftlichen Publikationen sowie Artikeln aus Tageszeitungen, Online-Kommentaren und narrativen themenzentrierten Interviews mit BeschneidungsgegnerInnen zusammensetzt. Indem das Verhältnis von Antisemitismus und der Ablehnung von kulturell-religiösen Vorhautbeschneidungen präzise herausgearbeitet wird, lassen sich Facetten der Kontroverse als Ausprägungen eines gegenwärtigen Antisemitismus verstehen.

(Text: Nomos Verlag)

Matthias J. Becker, "Analogien der 'Vergangenheitsbewältigung'", Nomos 2018

Dieser Band beschäftigt sich mit der Frage, wie israelbezogener Antisemitismus im Online-Kommentarbereich von Qualitätsmedien sprachlich vermittelt wird. Hierfür wurde eine korpuslinguistische Analyse von mehr als 6.000 Leserkommentaren auf den Webseiten der linksliberalen Zeitungen "Die Zeit" und "The Guardian" vorgenommen. Der Fokus lag auf der sprachlichen Beschaffenheit jener Äußerungen, mit welchen Israel einerseits mit NS-Deutschland, andererseits mit Großbritannien während der Ära des Kolonialismus verglichen wird, und welche kommunikativen Funktionen diese Vergleiche innerhalb beider Diskurse potenziell erfüllen. Aus der Neubewertung historischer Szenarien, die eine Identifikation mit der nationalen Wir-Gruppe erschweren, kann kollektive Entlastung folgen. Diese Phänomene sind vor dem Hintergrund erkennbarer Rationalisierungstendenzen (nicht nur) in Großbritannien und Deutschland einzuordnen, die auch vor den hier untersuchten milieuspezifischen Diskursen nicht Halt zu machen scheinen.

(Text: Nomos Verlag)

Felix Bohr, "Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter", Suhrkamp Verlag 2018

 

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren in zahlreichen westeuropäischen Ländern NS-Kriegsverbrecher inhaftiert. Im Zuge der Westbindung der Bundesrepublik wurden die meisten von ihnen entlassen. Lediglich in Italien und den Niederlanden verblieben insgesamt fünf Deutsche im Gefängnis: der SS-Mann Herbert Kappler, als Kommandeur der Sicherheitspolizei verantwortlich für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, sowie die "Vier von Breda", die maßgeblich an der Ermordung der niederländischen Juden beteiligt gewesen waren. Hochrangige deutsche Politiker, unter ihnen die Bundeskanzler Brandt und Schmidt, setzten sich für ihre Freilassung ein.

 

Felix Bohr zeichnet das westdeutsche Engagement für die im Ausland inhaftierten NS-Täter nach. Er zeigt, wie sich aus Netzwerken von Kirchenverbänden, Veteranenvereinigungen und Diplomaten eine einflussreiche Interessenvertretung formierte, die rechtliche und materielle Hilfe leistete. Während Opfer des NS-Regimes um gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung kämpften, organisierte die Lobby Unterstützung für die Kriegsverbrecher auf höchster politischer Ebene. Auf der Grundlage bislang mitunter nicht zugänglicher Quellen wirft Bohr einen umfassenden Blick auf ein bisher kaum bekanntes Kapitel bundesdeutscher Vergangenheitspolitik.

 

(Text: Suhrkamp Verlag)

 

Rezension von Knud von Harbou in der Süddeutschen Zeitung vom 8. Oktober 2018

Martin Clemens Winter , "Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche", Metropol Verlag 2018

Die Todesmärsche aus den Konzentrationslagern kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren das letzte nationalsozialistische Gesellschaftsverbrechen. Martin Clemens Winter stellt die Rolle der deutschen Bevölkerung bei den Räumungstransporten in den Mittelpunkt seiner Studie, die sich auf zahlreiche neu erschlossene Quellen aus internationalen Archiven stützt. Dabei untersucht er nicht nur den ländlichen Raum, die maßgeblichen Akteure und typische Situationen während der Todesmärsche, sondern auch die Nachgeschichte dieser Massenverbrechen vor der Haustür: die juristische Ahndung durch alliierte und deutsche Behörden, die Suche nach den Opfern sowie Formen der Erinnerung in der DDR und in der Bundesrepublik.

(Text: Metropol Verlag)

 

- augezeichnet mit dem Stanislav-Zámecník-Preis des Comité International de Dauchau -

 

Rezension von Barbara Distel in der Süddeutschen Zeitung vom 30. September 2018

 

 

Christina Isabel Brüning, "Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft. Eine Studie zum Einsatz videographierter Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Genozide im Unterricht", Wochenschau Wissenschaft 2018

Dem erinnerungskulturellen Umgang mit dem Holocaust steht ein tiefgreifender Wandel bevor: Wenn die letzten Überlebenden in den nächsten Jahren sterben, geht die Erinnerung vom kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis über. Zugleich wird die sich erinnernde Gesellschaft immer heterogener, und die Schüler_innen gehören inzwischen vollständig zur Generation der digital natives. Online-Archive mit videographierten Interviews bieten angesichts dieser Entwicklungen scheinbar eine Zukunftsperspektive für den Unterricht.

Die didaktischen Herausforderungen, die der Einsatz von videographierten Zeitzeug_inneninterviews aufwirft, sind dabei vielfältig. Die vorliegende Studie ist die erste im Bereich der historisch-politischen Bildung, die empirisch abgesicherte Befunde zu den relevanten Fragen liefert: Kann die in der Theoriebildung zu digitalisierten Zeugnissen behauptete 'Begegnung' mit den Überlebenden auf dem Bidlschirm tatsächlich festgestellt werden? Sind die in der Theorie benannten 'Immersionseffekte' der Interviews für die unterrichtliche Praxis nutzbar zu machen? Welche 'eigen-sinnigen Sinnbildungen' nehmen Lernende in der Arbeit mit den lebensgeschichtlichen Narrativen vor?Wo verlaufen die Grenzen des Mediums gerade auch im Blick auf leistungsschwächere Schüler_innen an Sekundarschulen? Wie müsste Unterricht in der Zukunft anders gedacht und gestaltet werden, um eine inklusivere Holocaust Education ohne (rassistische) Ausgrenzungen zu ermöglichen?

(Text: Wochenschau Wissenschaft)

 

Dennis Bock, "Literarische Störungen in Texten über die Shoah. Imre Kertész, Liana Millu, Ruth Klüger", Peter Lang Verlag 2017

 

Der Begriff der Störung erfährt eine zunehmende Konjunktur in den Geisteswissenschaften und etabliert sich dort als epistemologische Analysekategorie. Diese Studie untersucht die Texte der Shoah-Überlebenden Imre Kertész, Liana Millu und Ruth Klüger systematisch auf ihr Störpotenzial und erweitert das Forschungsfeld um die sprechhandlungstheoretischen Konzepte "Wissen" und "Erwarten". Ein grundlegend störendes Potenzial entfalten die Erzählungen, weil sie von konkreten historischen Ereignissen zeugen und damit deren Vergessen entgegegenarbeiten. Die Untersuchung stellt u.a. am Beispiel des Muselmanns, der Repräsentation von sexuellem Tauschhandel oder der Kritik an KZ-Gedenkstätten heraus, wie die Texte narrativ verfestigte Kategorien in Bewegung bringen, Wissen infrage stellen und gegen gesellschaftliche Diskurse ihrer Zeit polemisieren. (Text: Peter Lang Verlag)

Katrin Hammerstein, "Gemeinsame Vergangenheit - getrennte Erinnerung? Der Nationalsozialismus in Gedächtnisdiskursen und Identitätskonstruktionen von Bundesrepublik Deutschland, DDR und Österreich", Wallstein Verlag 2017

 

Nach dem Ende der NS-Diktatur entstanden aus der Konkursmasse des »Dritten Reichs« drei Staaten, die sich sehr unterschiedlich zum gemeinsamen Erbe der NS-Vergangenheit positionierten: Österreich erklärte sich zum ersten Opfer des Nationalsozialismus, während die DDR sich auf den antifaschistischen Widerstandskampf berief. Die Bundesrepublik wiederum übernahm zumindest offiziell die Verantwortung. Katrin Hammerstein vergleicht erstmals umfassend die drei Nachfolgestaaten des »Großdeutschen Reichs« in ihrem Umgang mit der NS-Geschichte. Dabei geht ihre Untersuchung durch eine transnationale, auf Wechselwirkungen gerichtete Perspektive über eine rein vergleichende Bewältigungsforschung hinaus. Die Vergangenheitsaufarbeitungen von Bundesrepublik, DDR und Österreich werden direkt in Beziehung zueinander gesetzt. Im Zentrum stehen die öffentlichen Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus und deren sich vor allem seit den 1980er Jahren vollziehende Transformation und allmähliche Angleichung aneinander bzw. an das westdeutsche Narrativ. Gezeigt wird: Die gemeinsame Vergangenheit des Nationalsozialismus wurde in Teilen auch zu einer gemeinsamen und transnational verflochtenen Erinnerung. (Text: Wallstein Verlag)

Henning Fischer, " Überlebende als Akteurinnen - Die Frauen der Lagergemeinschaften Ravensbrück: Biografische Erfahrung und politisches Handeln, 1945 bis 1989", UVK Verlagsgesellschaft 2017

Henning Fischer stellt die Lebensgeschichten von kommunistischen deutschen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück bei Berlin vor. Unmittelbar nach ihrer Befreiung und dem Ende des National-sozialismus gründeten diese Frauen ihre Lagergemeinschaft als gemeinsamen sozialen und politischen Verband. Ausgehend von der biografischen Prägung der zentralen Protagonistinnen in der kommunistischen Bewegung der Weimarer Republik wie im Widerstand gegenden Nationalsozialismus zeichnet diese Kollektivbiografie in Collageform die Themenfelder, politischen Absichten, Erfolge und Niederlagen der Lagergemeinschaften in DDR und BRD bis in die 1990er Jahre nach. So werden die Überlebenden als Akteurinnen ihres eigenen Lebens und der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sichtbar. Für die Frauen der Lagergemeinschaften, das macht ihr Handeln in fünf Jahrzehnten nach 1945 klar, stand die politische Gegenwart immer auch im Lichte der Vergangenheit – im Lichte Ravensbrücks.

(Text: UVK Verlagsgesellschaft)

Julia Noah Munier, "Sexualisierte Nazis - Erinnerungskulturelle Subjektivierungspraktiken in Deutungsmustern von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus", transcript Verlag 2017

Sexualisierte Nazifiguren sind Teil eines fortwährend erweiterten kulturellen Bildrepertoires, das in (audio-)visuellen Repräsentationen von Nationalsozialismus und der Shoa zum Einsatz kommt. Julia Noah Munier verfolgt dieses in der Forschung bisher vernachlässigte Muster bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück und zeigt, wie es nach 1945 bis heute immer wieder bedient wird.

Sie richtet die Aufmerksamkeit auf eine Verdichtung von ähnlich strukturierten Figuren über mediale Grenzen hinweg zu spezifischen Deutungsmustern. Im Fokus stehen die subjektivierenden Effekte dieser Darstellungsmuster, in denen Täter und Täterinnen des Naziregimes wie des italienischen Faschismus als ganz Andere, als deviant erscheinen.

(Text: transcript Verlag)

 

Artikel von Anna Prizkau in der FAZ vom 27.12.2017

Katja Kosubek: "Genauso konsequent sozialistisch wie national - Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933", Wallstein Verlag, 2017

Katja Kosubek editierte für ihre Arbeit 36 Lebensberichte früher Nationalsozialistinnen. Verfasst wurden diese Zeitzeugnisse im Jahre 1934 im Rahmen eines vermeintlichen Aufsatzwettbewerbs. Sie zeigen die unterschiedlichen Motivationen und Kontexte, aus denen heraus sich diese Frauen vor dem Hintergrund ihrer zeitgeschichtlichen Erfahrungen vom Nationalsozialismus angezogen fühlten, ja sogar große Hoffnungen in ihn setzten. Die Quellen zeigen damit  Mechanismen auf, die zur politischen Entwicklung von der Weimarer Republik hin zum totalitären Regime des Dritten Reiches beigetragen haben.

 

Rezension von Christian Staas in der Zeit vom 05.07.2017

 

Petra Umlauf: "Die Studentinnen an der Universität München 1926 bis 1945. Auslese, Beschränkung, Indienstnahme, Reaktionen", DeGruyter Oldenbourg 2016

Die Entwicklung des Frauenstudiums und die Geschichte der Universität München im Nationalsozialismus erfahren mit dieser Arbeit eine substantielle Erweiterung. Auf Basis bislang außer Acht gelassener sowie eigenständig erhobener Quellen wird das Spannungsfeld zwischen staatlicher Hochschulpolitik und ihrer Auswirkung auf das Verhalten der weiblichen Studierenden an der LMU deutlich. Anhand der Frauen lässt sich das studentische Leben unter der NS-Herrschaft sowohl auf lokaler als auch auf Reichs- bzw. Länderebene beleuchten. Vor dem Hintergrund der zweitgrößten Universität des Reiches wird auf diese Weise erstmals nachgezeichnet, inwieweit sich das Verhalten und die Reaktionen der Studentinnen zwischen den Extremen Anpassung und Widerstand bewegten. Dabei beleuchtet die Studie Auslese, Beschränkung und Indienstnahme als drei zentrale Kategorien universitärer Herrschaftsprinzipien, welche im Dritten Reich eine durch rassenideologische und politische Kriterien definierte Elite formen sollten. Die wenigen bislang vorliegenden Erkenntnisse werden dabei profiliert und modifiziert. (Text: DeGruyter Verlag)